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Artikel: Mythos wider Willen

  Artikel: Mythos wider Willen
Er gilt als einer der bekanntesten deutschen Barock-Architekten. Dabei sind die meisten von Elias Holl errichteten Gebäude nicht mehr, oder zumindest nur noch in stark veränderter Form, erhalten.



annett klingner

Der Mythos um den Augsburger Stadtbaumeister ist untrennbar mit den Umständen seines Karriere-Endes verbunden.

Rathaus und Perlachturm – mit diesen architektonischen Ikonen der historischen Innenstadt Augsburgs setzte Elias Holl (1573-1646) markante Zeichen, die auch ihn selbst unsterblich gemacht haben. Jeder Besucher Augsburgs kennt sie; und jedes einheimische Schulkind könnte mindestens eine Handvoll weiterer Gebäude aufzählen: Das Zeughaus, das Wertachbrucker Tor und die Stadtmetzg, das Gymnasium bei St. Anna, der Neue Bau, das Rote Tor und das Heilig-Geist-Spital, heute Sitz der Augsburger Puppenkiste sowie die Gießhalle im heutigen A.B. von Stettenschen Institut sind nur einige seiner heute noch bestehenden oder wieder errichteten Bauten.

Aber: In den letzten fünfzehn Lebensjahren Holls entstand kein einziges neues Gebäude mehr. 1630 war er von seinem Posten beurlaubt, ein Jahr später dann gefeuert worden. Man hatte ihm den klangvollen Titel des Stadtbaumeisters entzogen, von seiner Stelle im Großen Rat der Stadt war er notgedrungen selbst zurückgetreten. Warum?

In Holl-Theaterstücken und -Romanen wird der Meister als titanisches baukünstlerisches Genie beschrieben, das mit Kreativität, Willensstärke und Struktur dem eigenen Baustil zum Durchbruch verhalf. Und dessen tragisches Schicksal es war, von seiner missgünstigen Zeit verkannt zu werden. Andere Autoren demontierten sein Werk hingegen mitleidlos. Doch welche Stellung hatte er tatsächlich im Ämtergefüge der Stadt? Wie kam er als Protestant 30 Jahre lang an Aufträge der katholischen Obrigkeit? Und warum verlor er dann doch deren Gunst?

Die Bauwerke Holls entstanden in einer Zeit religiöser Auseinandersetzungen. Als es einen Umbruch der politischen Situation in Augsburg gab, war auch sein Schicksal besiegelt. In der konfessionell gemischten Stadt blieben Glaubensstreitigkeiten viele Jahre lang fast unbekannt gewesen – Katholiken und Protestanten hatten sich arrangiert. Bis die habsburgische Politik auch in Augsburg Differenzen schürte und die Frage der Konfessionszugehörigkeit für jeden einzelnen Bürger zu einer Existenzfrage wurde.

Der Kaiser griff nämlich härter durch, als es das Reichsrecht erlaubte und selbst das Restitutionsedikt erwarten ließ. Diese Verordnung markierte den Höhepunkt kaiserlicher Macht im Dreißigjährigen Krieg. Ende der 1620er Jahre hatten die Protestanten in Norddeutschland verheerende Niederlagen gegen die Truppen des Kaisers und der katholischen Liga erlitten. Diese katholische Dominanz wollte Ferdinand II. zur dauerhaften Stärkung des Katholizismus nutzen – und erließ deshalb eine Verordnung, durch die der geistliche Besitzstand im Reich wieder auf den Zustand des Jahres 1552 gebracht werden sollte.

Dabei ging es aber nicht nur um das materielle Gut, das die katholische Kirche (wieder-)haben wollte: Kaiserliche Kommissare stellten alle Angestellten, bis zum kleinsten Bauamtsscheiber, vor die Wahl, katholisch zu werden oder den Dienst zu quittieren. Die Gegenreformation wurde sogar so weit getrieben, dass man die Versorgung von Waisenkindern von deren Zugehörigkeit zum katholischen Glauben abhängig machen wollte.

Man verlegte Militärs in die Stadt, um den kaiserlichen Wünschen Nachdruck zu verleihen. Und ein am Fischmarkt errichteter Galgen ließ keinen Zweifel daran, wie ernst Ferdinand seine Anordnungen meinte.

Den Glauben für einen Job zu opfern, hätte in einer kleinen Stadt, in der jeder jeden kannte, kein Verständnis gefunden. So blieb Elias Holl keine Wahl: Im Januar 1630 ließ er sich beurlauben, machte eine lange Kur und wartete ein Jahr lang ab. Schließlich legte er seine Ämter nieder.

In bitterer Not musste der Baumeister seine letzten anderthalb Lebensjahrzehnte aber nicht verbringen. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung hatte er bei der Stadt 12 000 Gulden angelegt, die mit 5 Prozent verzinst waren. Die sagenhafte Höhe dieser Summe lässt sich besser abschätzen, wenn man bedenkt, dass der Wochenlohn eines Maurermeisters zu dieser Zeit bei zwei Gulden lag.

Zunächst sah es sogar so aus, als ob dem Baumeister (und mit ihm vielen Augsburger Protestanten) doch noch Gerechtigkeit widerfahren würde: Im Jahr 1632 rückten die Schweden unter Gustav Adolf in die Reichsstadt ein. Holl bekam umgehend seine alte Position zurück; und in den städtischen Bauamtsabrechnungen sind die üblichen Gehaltszahlungen in Höhe von jährlich 150 Gulden vermerkt. Zwar beschränkte sich seine Arbeit nun auf das Bauen von Befestigungsanlagen und die Reparatur der Wasserzufuhr, aber: Holl lieferte wieder Pläne, Kostenvoranschläge, rechnete und organisierte. Doch dann neigte sich die Waagschale erneut auf die Seite der Katholiken.

Im Winter 1634/35 zog sich ein Belagerungsring aus kaiserlichen und bayerischen Truppen um die Stadt. Eine verheerende Hungersnot war die Folge. Die Augsburger Bürger sahen sich gezwungen, ihre Haustiere, gekochte Tierhäute und angeblich sogar Leichen zu essen. Im April 1635 gaben sie auf, und wiederum wurden alle Ratsämter und Verwaltungsstellen mit Katholiken besetzt. So verlor auch Elias Holl sein Amt – diesmal endgültig. Mit der letzten schwedischen Garnison zogen auch drei seiner Söhne (der Maler Elias, der Goldschmied Hieronymus und der Kistler Hans) aus der Stadt.

Das Ende des Krieges hat Holl nicht mehr erlebt. Als er am 6. Januar 1646 starb, hatte er mit 72 Jahren ein für die damalige Zeit hohes Alter erreicht. Viele seiner 21 Kinder sowie seine beiden Ehefrauen Maria und Rosina waren längst tot und die Reihen seiner Freunde und Vertrauten schon stark gelichtet.

Fast bis zum Schluss hatte er noch an dem Werk „Messkunst, Visierkunst und Baumaterialienlehre“ gefeilt, das seine Arbeitsmethoden beschreibt und eigentlich für die Söhne gedacht war. Doch es wurde nie praktisch genutzt, weil keiner der in Augsburg gebliebenen Nachkommen in seine Fußstapfen treten wollte.

Der Großteil seines Besitzes wurde von den Erben zügig verkauft, nur wenige Zeichnungen und Erinnerungsstücke sind erhalten. Schon sechs Jahre nach Holls Tod erwarb der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel eine Kiste mit Instrumenten, Büchern und Zeichnungen Holls. Bis auf vier Blätter, die Mitte des 20. Jahrhunderts plötzlich im Kunsthandel auftauchten ist der Inhalt dieser Kiste verschwunden.

erschienen in: Kulturportal der Stadt Augsburg 2017, S. 32f.

Literatur:

Bernd Roeck: Elias Holl. Architekt einer europäischen Stadt, Regensburg 1985

Fotos:

Rathaus (Foto: Annett Klingner)
Lucas Kilian: Elias Holl (vor 1619), (Foto: Roeck 1985, S. 233)

Illustration: Renate Knauer (www.renateknauer.de)
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